Blick in die Presse
Mai 2010

[Unser Blick ist natürlich etwas eingeschränkt: 1. aus finanziellen Gründen, weil unser Etat den Bezug von mehr als drei (Berliner) Zeitungen ("Berliner Morgenpost", Berliner Zeitung" und "Der Tagespiegel") nicht hergibt, unsere Arbeitskraft und –zeit allerdings auch nicht. 2. aus formellen Gründen beschränken wir uns hier auf das klassische Berliner Off-Theater, also keine Studiobühnen oder Gastspiele. Ausnahme: Inszenierungen des Kinder- und Jugendtheaters. Und dieser Blick ist leider wenig erfreulich: Quantität und Qualität der Presseerwähnungen werden weder der Stellung dieses Berliner Theatersegments gerecht noch bieten sie auch nur annähernd einen Überblick!]

   Helene Hegemanns Blogger-Aufzeichnungen "Axolotl Roadkill" beherrschte lange die Feuilletonseiten der Presse. Mit der Gruppe Das Helmi hat sie nun Theater daraus gemacht und die Inszenierung war Thema von drei unüblich langen Rezensionen in drei Organen. Ob sie diese Resonanz auch erzielt hätte ohne den Medien-Event-Aufhänger, scheint sehr zweifelhaft.
   Doris Meierhenrich in der Berliner Zeitung vom 07.05.10 über "Axel hol den Rotkohl" von Helene Hegemann und dem Helmi im Ballhaus Ost: "Es stimmt schon: bei der Lektüre mancher Rezension konnte man denken, die Rezensenten hätten nicht "Axolotl Roadkill" gelesen, jenes hyperventilierende Gegengedanken-Tagebuch des Ausnahmekindes Mifti, das die damals 17-jährige Helene Hegemann mit opernhaftem Furor und altkluger Aufgewecktheit aus dem volksbühnenformatierten Diskursechoraum ihres Kopfes aufs Papier brachte, sondern vielleicht so etwas wie ‚Axel hol den Rotkohl’. (…) Doch auch wenn dieses Umsichselbstkreisen auf 200 Buchseiten bald langweilig werden kann, wünscht man sich an diesem Abend im Ballhaus Ost, wo das Puppentheater Helmi sich unter Hegemanns Anleitung sämtliche Mifti-Missverständnisse zur Spielvorlage macht, die denksüchtige Original-Mifti sehnlich zurück. Denn leider darf man sich "Axel hol den Rotkohl" nicht als spitzzüngige Reflexion über Intertextualität und Authentizität, Fremd- und Selbstbestimmung, Wahnfantasien und Realitätswahn vorstellen. Vielmehr als einen im Vergleich zum Roman ziemlich unterkomplexen Versuch, die persönliche Verletztheit der Autorin durch die Kritik der vergangenen Wochen aufzuarbeiten und fortzuführen, was sie bereits in der letzten "Zeit" -Ausgabe beklagte. (…) Natürlich soll derartiges Kindertheater ironischer Spiegel dessen sein, was mittlerweile als ‚Hegemann-Debatte’ firmiert, doch spiegelt es leider nur die Verschnupftheit und - im Roman hätte Mifti gesagt - "fehlende Ambiguitätstoleranz" dieses Abends selbst. Zwar tauchen neben den bösen Kritikern auch noch viele liebe, ewig pubertierende Lurche auf. Doch hält das selbst übergezogene Dummchen-Kostüm sie am stärksten gefangen. Die extra dilettantische Helmi-Puppenführung tut den Rest: sie unterläuft alles, vor allem Miftis Kraft."
   Anne Peter in der Berliner Morgenpost vom gleichen Tag zur selben Inszenierung: "Anders als zur Feier von Helene Hegemanns 18. Geburtstag im Magnetclub ballte sich keine Menschentraube vor dem Ballhaus Ost, obwohl die berühmte Frisch-Volljährige bei der Nicht-Uraufführung ihres Hypeumwitterten ‚Axolotl Roadkill’-Romans im Publikum saß und sich am Ende aufgeregt zufrieden verbeugte. Sie selbst hatte sich gewünscht, die Prenzlberger Kultpuppenspieltruppe Das Helmi möge sich ihres Erstlings annehmen, bevor demnächst die seriösere Uraufführungs-Maschinerie losrattert (…). Nach Aufstieg und Fall der Helene Hegemann - also Hochjubelung ihres Debüt-Romans und umso wütenderer Totalvernichtung ob der aufkommenden Plagiatsgerüchte - folgt jetzt also Phase drei: die Intervention der Betroffenen selbst, die das Über-Hegemann-Reden satt hat und zurückbollert. (…) Eine knappe Woche nach Veröffentlichung dieser selbstbewusst wehrhaften Gegenrede gibt Hegemann im Ballhaus-Off-Schuppen dann den eigenen, sich so virtuos und nur unter anderem durch Airens Berghain-Blogs sampelnden Roman wiederum zum fröhlichen Helmi-Sampling frei. Das zeugt von einem gesunden Maß an Selbstironie. Gehen die Helmianer gemeinhin doch nicht eben zimperlich mit ihren Vorlagen um. Ödipus, Faust, Schillers Räuber - sie alle sind schon durch den assoziationsreichen Knautschpuppenkakao gezogen worden, der in seiner Bastelästhetik und der Kultivierung eines extrem dilettantischen Habitus gegen Massenkompatibilitätsverdacht ziemlich immun ist. Die Abhäng- und Abtanz-Welt der Hegemann-Heldin Mifti wird hier allerdings einer vergleichsweise zärtlichen Verulkung unterzogen. Unter dem Verballhornungstitel "Axel hol den Rotkohl" fordert ein Pappkopf-Chor wütender Blogger sein Urheberrecht ein: "liih, du hast das alles selber gar nicht erlebt!" Süße Schaumstoff-Lurche singen traurig, und eine Puppen-Clique schwärmt ins Berghain aus, wobei einige dem Böser-Wolf-Türsteher zum Opfer fallen. Das ist unterhaltsames Textschnipsel-Recycling für Schrägheits-Liebhaber. Und die vielleicht klügste Neutralisierungsstrategie, die Hegemann sich für ihre Kritiker einfallen lassen konnte - indem sie sich gemeinsam mit diesen und in ein großes Veralberungsboot setzt."
   Patrick Wildermann im Tagesspiegel vom gleichen Tag zur selben Inszenierung: "Veralbern kann ich mich alleine, sagt der Volksmund, aber die meisten können das natürlich doch nicht. Helene Hegemann schon. Dass ihr Superskandalbestseller ‚Axolotl Roadkill’ jetzt von der Puppentheatertruppe ‚Das Helmi’ zu einem kunterbunten Abend unter dem Titel ‚Axel hol den Rotkohl’ verballhornt wird, war der ausdrückliche Wunsch der Autorin, sie hat sogar selbst daran mitgebastelt. (…) Nun also marschieren die Helmi-Spieler mit Pappköpfen bewehrt ins Ballhaus Ost ein und sprechen als Chor der entrechteten Blogger im Stile des Laientheaters von Volker Lösch. ‚Wir sind authentisch!’, skandieren sie, und es wird ein gemeinsamer Besuch des Berghain angeregt. (…) Man muss keine Handlung vermissen, weil auch die Vorlage keine hat, das Thema von ‚Axolotl Roadkill’ ist ja die Ereignisdürre eines jungen Lebens bei gleichzeitigem Gedankenübersprudeln. (…) Auch spielen jede Menge niedliche Axolotl-Schaumstofftiere mit, der Axolotl ist ja der mexikanische Schwanzlurch, der nie erwachsen wird und im Buch eine Metapher für besagten Zustand abgibt. Jedenfalls herrscht die in Performerkreisen verbreitete, ausgelassene Kindergeburtstagsstimmung, und keiner gerät in Versuchung, sich selbst oder das Buch ernst zu nehmen. Besser kann man "Axolotl Roadkill" nicht adaptieren. Das Problem ist nur, dass sich das noch nicht herumgesprochen hat. (…)"
   Michaela Schlagenwerth in der Berliner Zeitung vom 11.05.10 über die Installation "Istanbul, Transgelinler" in einem Zelt vor dem Hau2: "Dezent geschminkt und noch in Zivilkleidung sitzen Burcin Korkmaz und Elcin Yaman im Wau, dem Wirtshaus des Hau. (…) Von ihrem Leben als Transsexuelle in der Türkei. "Istanbul, Transgelinler" heißt die begehbare Installation von Barbara Ehnes. Am Ende werden sich dann alle im kleinen Kreis zusammensetzen, Burcin wird mit den Zuschauern scherzen, ihnen türkischen Honig reichen und geduldig auf die vermutlich immer wieder gleichen Fragen antworten. (…) Burcin Korkmaz und Elcin Yaman leben im zentral gelegenen Istanbuler Viertel Tarlabasi, direkt neben dem boomenden Ausgehviertel Beyoglu. Neben den Transsexuellen wohnen in Tarlabasi traditionell - seit der Vertreibung der Griechen - viele Roma und Kurden. (…)" Leider erfährt der Leser über die Inszenierung selbst gar nichts …

©by SPOTT Berlin

[Letzte Änderung: 12. Mai 2010]

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