sylvesterSPOTT
vom 31. Dezember 2009

Neujahresansprache 2010

           [Unter den ca. 50 spam-mails, die uns Tag für Tag erreichen, erhielten wir auch mit der Adressenangabe werner.finck@himmel.de den unten überlieferten Text. Seltsam, dachten wir, seltsam! Werner Finck ist doch schon längere Zeit tot, aber weil er sich Zeit seines Lebens regelmäßig mit Glossen zu Sylvester und Neujahr zu Wort gemeldet hat, nehmen wir mal einfach an: Er kann's nicht lassen! Und wenn wir lesen, was er zu sagen hat, wissen wir auch, warum wir uns die Neujahresansprache von Frau Merkel dieses Jahr sparen ...]

SIE WERDEN LACHEN - MIR IST ES ERNST

           Bevor ich zur Sache komme, gestatten Sie mir ein paar Worte, die scheinbar nicht zur Sache gehören, für das Verständnis der ganzen Sache schier unerlässlich sind; kurz und gut: Mit der Sache ist das so eine Sache. Intellektueller ausgedrückt: Mein Anlügen ist ein doppeltes: - Ich muss mich korrigieren: Mein Anliegen. (Eine interessante Fehlleistung!
           Meine Sekretärin, der ich das, was Sie soeben hören, stichwortartig in die Maschine diktiert habe, und die hier einem Hörfehler, vielleicht einem Tippfehler zum Opfer gefallen ist, meine Sekretärin war jahrelang die rechte Hand eines bekannten deutschen Nachkriegs-Kulturreferenten, dessen Vorträge in literarischen und kunstinteressierten Kreisen Furore gemacht haben.)
           Mein Anliegen ist also ein doppeltes: Einmal ist es mir um die Sache selber zu tun, nicht weniger wichtig ist mir aber das Nebensächliche, weil die ganze Sache in der Hauptsache davon lebt. Und was ist die Hauptsache? Dass Sie lachen. Hier nun liegt die Schwierigkeit meines Vorhabens. Das Lachen, wie Sie wissen, nimmt einer Sache den Ernst. Das liegt in der Natur der Sache. Wo aber der Ernst fehlt, der notwendige Ernst …
           Ja, sehen Sie, meine Damen und Herren, das ist eine sehr, sehr ernste Sache.
           Und um eben diese Sache dreht sich's heute abend. Die Problemstellung heißt: Sie werden lachen - mir ist es ernst.
           Nun, die Richtigkeit der ersten Hälfte unseres Satzes dürfte bereits als erwiesen gelten. Sie haben gelacht. Aber, dass es mir ernst ist, oder sagen wir, wie weit es mir ernst ist, das müsste wohl ernst - erst (stimmt beides) untersucht werden.
           Meine Aussage - das Wort steht hier endlich einmal richtig, denn wir befinden uns ja eben in einem Untersuchungsverfahren - meine Aussage: Es ist mir ernst, dürfte von Ihnen nicht allzu ernst genommen werden.
           Und wenn man mir auch einen gewissen Ernst zubilligen würde, so würde man jenen Ungewissen Ernst meinen, der Ironie genannt wird. Den Ernst im Schafpelz, der die Lämmer zum Lachen und damit um - bringt. Da Sie das bei mir annehmen, so nehme ich es von Ihnen an, das Urteil.
           Nur in diesem Sinne möchte ich ja ernst genommen werden. So ernst sein zu können, bemühe ich mich schon seit Jahrzehnten, wenn ich auch nicht so vermessen bin, mir einzubilden, einmal die höchste Meisterschaft dieses Ernstes zu erreichen, der kein Ernst ist, aber auch kein Unernst, wie der deutsche Dichter Thomas Mann.
           Ein einmaliger Fall ist Deutschland, ein Fall in die tiefsten Abgründe der Ironie …

[aus Werner Finck, "Zwischendurch", München/Berlin 1975]

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